Samstag, 7. Juni 2014

Geheime Agentin - Roman von Peter Kamber

3 Jahre habe ich mich nicht an dieses Buch gewagt, 1200 Seiten historischer Roman, und so passend zu unserem Projekt. Peter Kamber liefert umfangreiche, komplexe Handlungsstränge, die für den einen oder anderen Leser sicherlich nicht leicht zugänglich sind. Andererseits ist der Roman detailliert recherchiert und gibt, ähnlich einem filmischen Monumentalwerk, tiefe Einblicke in Schicksale von Menschen, die in den 1930 Jahren, die  vor dem Krieg aus Nazideutschland emigrieren mussten.
Luzern ist ein Mittelpunkt in diesem Netzwerk von Spionagediensten, Agenten und korrupten Spitzeln. Klare Stärke des Buches ist nicht nur, daß man sich leicht in die Figuren hineinversetzen kann, sondern auch die Menschen nicht fehlerfrei sind. Sie machen Fehler, wie wir sie heute auch machen.  Wir haben nur den Vorteil, nicht solchen politischen Systemen ausgeliefert zu sein. Es lässt sich durchaus die Frage stellen, ob wir nicht auch zu Agenten würden, wenn wir ähnliche Lebensumstände hätten. Wer jetzt denkt, das sei unmöglich, der sollte dieses Buch unbedingt lesen. 


















Peter Kamber ist aber auch Meister für geflügelte Worte in situativen Momenten. Der Roman ist gefüllt mit Zitaten, die für sich sprechen:
"Vertrauen...sei nur ein anderes Wort für Glück, den Gefühlen Glauben schenken zu dürfen."

 "Die Beseitigung einer grausamen Diktatur kann nur von innen heraus gelingen."

"Warum tut mir ein Toter erst leid, wenn ich getragene Musik höre?"
"Weil Zyniker wie du für so etwas wie Gefühle einen Wecker brauchen."


"Die Schweizer Armee richtete sich lange an der preußischen aus und übernahm unsinnige Schleifermethoden. Ich weiß nicht, ob zentimetergenaues Exerzieren und die damit verbundenen kleinlichen Kollektivstrafen, mit denen körperlich Schwächere zu verhassten Aussenseitern werden, die Abwehrfähigkeit eines Landes wirklich stärken." 

"Die deutsche Sprache ist sehr drastisch...Seinen Ursprung irgendwoher haben heißt, als Baumstamm, von da hervorgewachsen zu sein: entstammen. Genau betrachtet, siehst du nicht aus wie eine Eiche!"


Zum Inhalt: Hauptiguren des Romans sind Elisabeth Wiskemann. Sie ist die Agentin, die sich in dem Dickicht der Spionagenetze zurechtfinden muss. Daneben gibt es den Deutschen Hans Bernd Gisevius, der ebenfalls ermittelt, aber dessen Ergebnisse von den Allierten in Zweifel gezogen werden. Schliesslich ist da noch der ausgebürgerte Deutsche Verleger Rudolf Roessler, der in der Schweiz versucht, ein neues Leben aufzubauen.

Als Handlungsorte spielen Luzern, Berlin, Zürich, Bern, London, New York und weitere Städte eine wichtige Rolle. Im Dickicht von Doppeldeutigkeiten und im Netzwerk menschlicher Täuschungen, Intrigen und Gefühlen entführt Peter Kamber die Leser in eine Storyline, die sehr sprunghaft Orte und Handlungen wechselt. Den Überblick zu behalten erfordert Konzentration. Interessant herausgearbeitet sind die einezelnen Charaktere, der Wortwitz, die Namen der Personen, und Annäherungen an Zeitfiguren. Die Agentin zeigt, daß weibliche Intuition bei Spionage ganz anders funktioniert als bei Männern. Absolut lesenswert.